20.12.09

das baumhaus

ja, es gibt es noch, das baumhaus mit der sonderbaren wendeltreppe, die spiralförmig um den baum gewunden ist (die ein teil des baumes ist), das haus in der blauen luft mit den kristallen im inneren und den kissen am boden. es sieht aus, als hätte es sich der baum selbst ausgedacht, ein
sommerhaus, kristallhaus, lufthaus, ein schiff
wartend auf die langen, lichten abende, das licht, das sich grün flirrend im inneren sammelt
es gibt die bunten steine noch und die alte treue sturmlaterne, die an die küste erinnert
und das haus birgt einiges vom ozean und der küste, in schachteln und sammelmappen - karten, vergilbte fotos und briefe, bilder auf karton geklebt, fläschchen mit feinem hellen sand und muschelresten, eine muschelkette, aufgefädelt auf einer schnur, von der zum teil nur noch fasern übrig sind, hängt am fenster
die muscheln schimmernd in rosa und perlmutt, je nach lichteinfall auch in zartem violett und wasserblau
ein hölzernes klangspiel daneben für den verspielten sommerwind
ein strohhut auf dem obersten brett des regals...

und stimmen, von freunden, die vom meer erzählen, unentwegt...ein murmeln und raunen
flüstern und tuscheln, ihr atem begleitet mich.

ein geheimnis, das das haus behütet
manchmal setzen sich möven in die krone des baumes

lilas haus

der schlüssel

das gras ist noch grün-braun, dazwischen schimmern weisse steine. wir hatten viel spass in diesem haus , schiesst ihr durch den kopf, eine wunderschöne zeit zusammen, und dann bin ich fortgezogen und hab den schlüssel im terrakotta-blumentopf vergraben, ganz unten bei den wurzeln müsste er sein.

eine hand steckt tief in der erde und berührt nur das flechtwerk von abgestorbenen wurzeln. silbergrau müssten sie sein, denkt sie, silbergrau und ein bisschen wie das spinnenmoos vom schlossgarten, ein bizarres wurzelgeflecht, bis zum boden. sie findet den schlüssel nicht! ein sonderbares gefühl in der magengrube, etwas flau, er muss doch da sein, er muss, er muss. sie gräbt ihre hand tief ins wurzelwerk und berührt etwas hartes, doch es ist nicht kalt wie metall, sondern angenehm, als würde sie eine andere hand fassen. der alte schlüssel, verborgen und umwachsen von wurzeln wie in einem versteck, einer schatzkiste. es fällt ihr schwer, der pflanze den schatz zu entreissen und sie macht es vorsichtig, ganz sachte. die wurzeln machen ihrer hand so freiwillig platz, als würden sie sie erkennen. dann liegt er endlich in ihrer hand und sie betrachtet ihn lange, bewundert sein gewicht, das gewicht von vielen jahren, mehr noch als ein schlüssel aus schmiedeeisen, ein symbol. ein zeichen, dafür, dass alles wieder ins lot gekommen ist , murmelt sie. ja, ganz einfach, dass alles wieder ganz ist und nicht kränkelt oder halbherzig ist oder kalt.

sie hat plötzlich sehnsucht nach gartenarbeit oder stundenlangem verweilen im gewächshaus, nach der zwiesprache mit pflanzen und tieren und nach besuchern, so wie früher. ganz verhindern kann sie nicht, dass ihr jetzt die tränen kommen, heiss rinnen sie über ihre wangen und machen sie blind. sie setzt sich kurz auf die stufen und legt den kopf auf ihre knie. die ganze zeit hält sie den schlüssel fest in ihrer hand. nach einiger zeit ist alles heraussen, viele tränen, die sie endlich weinen musste, und manchmal weint man, wenn man das ziel einer langen reise erreicht hat, man weint aus erschöpfung und erleichterung, denn lange reisen sind doch extrem anstrengend, für körper und geist.

nach einiger zeit steht sie auf und wendet sich der tür zu, der geschnitzten grünen tür mit den mustern von blüten und blattwerk.
es ist wirklich zeit, dass du kommst , murmelt eine stimme so leise, dass sie nicht weiss, ob sie aus ihrem inneren kommt oder aus dem blassblauen sonnigen herbsthimmel, es ist höchste zeit . sie denkt an viele bunte tage, an eine zeit, die sich endlos vor ihr ausstreckt, nach weinen ist ihr nicht mehr.
sie steckt den schlüssel ins schloss und betritt ihr haus.



heimkommen

es riecht angenehm. so angenehm, als wäre schon gelüftet worden. sie hatte angst gehabt vor dem muffigen geruch eines verlassenen hauses, doch ewas sie jetzt riecht, ist bienenwachs von möbelpolitur und frische luft. in der küche steht ein grosser blumenstrauss in einer vase. die blumen sind ganz eindeutig frisch, und das wasser, in dem sie stehen, ist glasklar.
natürlich ist es seltsam, doch an solche dinge ist sie inzwischen schon gewöhnt, von früher. damals passierten immer dinge, die sie nicht erklären konnte. die möbel glänzen wie frisch gebohnert, kein bisschen staub, kein bisschen alter, nichts davon. auch vor staub hatte sie angst gehabt. sie mag staub ja ganz gern, und spinnweben, und korrosion, aber gerade jetzt hätte es sie bekümmert. verlassene dinge mit ihrer eigenen traurigkeit, les choses inconsolables, die untröstlichen dinge. verlassene gegenstände, die allein auf der welt sind und die niemand mehr liebt, obwohl sie geliebt wurden, vor langer zeit. und an diese liebe erinnern sie sich und sie trauern, weil sie wärme suchen, die ihnen kein mensch mehr gibt. die untröstlichen, verlassenen dinge, die keine seele haben, wie menschen oberflächlich dahinsagen, und die sich aneinander klammern und dennoch keinen trost finden, nur in der menschen obhut.
sie nimmt sich vor, einige davon zu finden und sie hier zu beherbergen. vielleicht gibt es auch für verlassene dinge einen neubeginn?

in ihrem haus gibt es keine untröstlichen dinge. nur dinge, die gebraucht werden, geliebt und immer wieder verwendet, und wenn sie keinen verwendungszweck haben, dann sieht man sie einfach nur an und und nimmt ihre schönheit wahr, ihr eigenleben, wenn man in die tiefe blickt. man nimmt ihre geschichten auf, die reicher machen. immateriell steinreich sind wir hier , murmelt sie, und wie glücklich wir hier immer waren, in unserem immateriellen reichtum, wir könnten tatsächlich noch etwas davon abgeben, so viel haben wir hier, so unendlich viel. nicht nur genug zum leben, sondern mehr noch, wir haben im überfluss.

dinge, die geliebt werden. ein herz, das nicht nur schlägt, weil es muss. hände, die von gartenarbeit manchmal spröde sind. müdigkeit, die nicht von innen kommt, sondern vom arbeiten draussen im garten oder in der küche. schlaf, der tief ist und träume, die nicht zerstören. wir haben freunde hier, ja, gute freunde. wir reden und lachen und sitzen um den küchentisch und wir reisen durch zeit und raum zusammen, in unserer fantasie. wir haben geschichten. mehr als genug. und hier weint nichts verzweifelt vor sich hin und ruft im traum nach geliebten menschen und nur ein bisschen wärme, nur ein winziges bisschen. nie soll es so sein. nie, über die zeit hinaus, nie, über zeit und raum hinaus.

hier gibt es keine blinden fenster. blüten ranken herein wie ein augenzwinkern, ein lächeln, ein kinderlachen. sterne blitzen wie lichtgesang, murmelnde stimmen, vom wasser, vom fluss, den baumwipfeln her, manchmal tost und braust es, der wind, der weltengeist und wir schmiegen uns in die falten seines mantels und hören seinen gesang, der in unserem inneren widerhallt bis wir mit ihm verschmelzen, dem grossen geist aller welten, der uns lehrt, zu lieben und zu trösten, so wie er es immer getan hat und tun wird. wir sind glücklich hier im haus, denn nichts weint um uns herum. die stimmen erzählen vom glück, zu leben.

sie lässt ihren kopf auf die tischplatte sinken und schläft sofort ein. und sie träumt davon, in ihrem haus am küchentisch zu sitzen, den kopf auf die tischplatte geschmiegt, und zu schlafen.

17.12.09

13.12.09

schneesterne

vielleicht ist es ja gar nichts besonderes. nur der erste schnee.
lila sass am fenster und betrachtete die schneeflocken.
wie sie in der luft tanzten. ein bisschen wie scherenschnitte, die sie damals als kind gebastelt hatte. scherenschnitte und laternen, schnee und sterne. sie dachte an laternen, die sich drehen und die bilder auf die zimmerwände projezieren, oder die die zimmerdecke mit lichtsprenkeln und tupfen überziehen. ein kleiner sternschauer im schlafzimmer, bis man einschlafen kann. oder nicht, je nachdem. man könnte ja vor dem einschlafen noch eine geschichte erfinden. manchmal muss man das. gegen die dunkelheit oder einfach nur so.

schneesterne mit der schere ausschneiden, aus weissem, knisterndem papier, oder eisblumen fürs fenster, die garantiert nicht schmelzen.
vielleicht ist es gar nichts besonderes, aber es fühlt sich so an.
die ersten spuren im schnee sollten immer von kindern sein. und die erwachsenen sollten sich bemühen, in den fusspuren der kinder zu gehen. sich den fusspuren anzupassen,
hineinzupassen
und vielleicht manchmal schneesterne mit der schere auszuschneiden
aus knisterndem, feinen weissen neuen papier

02.12.09

vom haus blueberry hollow, dem nordwind und einer verzauberten nacht

der mond war schuld. er war winzig klein in einem eisigen milchig-hellen himmel und sah so aus, als würde er in einem milchsee schwimmen. er sah sich selbst auch nicht ähnlich in diesem augenblick. ganz hell wie ein stern war er und kleiner als sonst, als würde er sein licht so konzentriert bündeln, dass er wie ein lichtpunkt aussah. die welt war sehr still in diesem moment. ein zauberschleier lag darüber. fremd. aber sehr heimelig, wie heimkommen. man muss sehr weit weggegangen sein, um diese stimmung als fremd zu empfinden. aber es gibt immer die möglichkeit, zurückzukommen.

ganz plötzlich, unerwartet, tauchte das haus auf. es lag irgendwo in diesem weiten feld aus milchigem licht. ein winziges haus, das blueberry hollow hiess. viele würden einfach daran vorüber gehen und die details gar nicht beachten. blaue fensterläden, muschelweissgekalkte mauern, buntes glas auf den fensterbänken, das im mondlicht glänzte. es war ein kleines haus irgendwo an der küste des meeres und es existierte schon sehr lange. und es war ein mutiges haus, das so manchen stürmen getrotzt hatte. was man auch sehen konnte, wenn man genauer hinsah. einige undichte stellen am dach, die repariert werden mussten. übrigens...das dach. ein eigenartiges dach. der wind hatte pflanzensamen mitgebracht und an einigen stellen wuchsen gras und wilde blumen aus dem dach. der wilde nordwind war ein guter freund des hauses blueberry hollow. er brachte geschichten aus der ferne mit und manchmal streichelte er das haus sachte. vorsichtig, wie um sich für seine wilde art zu entschuldigen. er brachte die sehnsucht mit sich und berichtete von dingen, die sich die bewohner des hauses niemals hätten vorstellen können. darum hatten sie für ihn, den nordwind, ein windspiel gebastelt und im fenster unter dem dach befestigt. es bestand aus kleinen glöckchen und buntem glas, aus holz, knochen und ton und wenn der wind ging, an warmen sommertagen, vermischte sich der warme weiche klang von holz mit dem klappern von knochen und dem klirren und klingeln von glas und metall. es war die musik, die der nordwind machte. mit seinen windhänden und den langen windfingern fuhr er vorsichtig in das windspiel hinein und entlockte ihm fragile, wundersame töne.

und manchmal konnten ihn die bewohner des hauses auch sehen, einen grossen spindeldürren mann mit langem weissen haar und eisblauen augen, in denen sterne tanzten. einen wilden mann mit wildem haar und schneeweissem gesicht und hohlen wangen. er hatte freude an musik und an kerzen, die er ausblasen konnte. und er liebte wäscheleinen und offene fenster und türen. er war unbeschreiblich neugierig und kehrte gern das unterste zuoberst. als naher verwandter der eisheiligen waren ihm kälte und schnee besonders sympathisch. obwohl er die dicken schneewolken gelegentlich gern über den himmel jagte, liebte er es, bei dichtem flockenfall auf der erde zu kauern und nach oben zu starren, wenn sie aus dem dunklen himmel schwebten.

manchmal war er schuld daran, dass die bewohner des hauses in ferne länder aufbrachen, weil sie das fernweh plagte. doch meistens genügte es ihnen, seinen geschichten zu lauschen und ab und zu einige davon aufzuschreiben.
heute jedoch war mond und früher morgen, und einigermassen windstill. blueberry hollow erwachte langsam und schüttelte den letzten rest der nächtlichen traumgespinste ab.