25.01.17

fangfrische fische


sie sass in der abflughalle gleich neben dem riesen panoramafenster und sah zu, wie die flugzeuge starteten und landeten. eigentlich sah sie nicht wie der typische flugreisende aus – die geschäftsleute, die rund um sie verteilt auf den orangen plastiksesseln sassen, mit ihren laptops auf den knien, handies am ohr, hatten sie auch ziemlich gemustert, als sie den gang entlang gekommen war, mit ihrem flatterkleid und dem grossen seesack aus buntgemustertem stoff, von dem sie noch nicht genau wusste, ob er im flugzeug wirklich in die ablage über ihrem sitz passen würde – die frau am schalter hatte gemeint, es würde sich knapp ausgehen, aber etwas zweifelnd gewirkt. ihr handgepäck war nun mal etwas mächtiger als das der anderen mitreisenden – sie warf einen kurzen blick rundherum – aktentaschen und kleine handtäschchen, die sie aus tiefstem herzen verabscheute. ihr seesack lag dick, breit und beruhigend auf dem sitz neben ihr. 

sie war gut drauf. die blicke der anwesenden kümmerten sie nicht im geringsten. leute starrten nun mal, daran war sie gewöhnt, und einschüchtern liess sie sich schon lange nicht mehr. ausserdem freute sie sich schon auf ihre freundinnen, die am anderen ende der welt auf sie warten würden. das hatten sie versprochen, sie hatten versprochen, dass sie sie am flughafen abholen würden. mit ihrem eigenartigen auto, von dem sie noch kein foto gesehen hatte, aber das...sie wußte es aus den briefen...recht auffällig sein sollte. ausserdem wurde dort links gefahren. auf der linken strassenseite, du meine güte...die küste entlang, so hatte kay gemeint, würden sie fahren, und dort stehenbleiben, wo es ihnen gerade gefiel. sie grinste. der mann ihr gegenüber blickte sie irritiert an und sie grinste noch mehr. er würde mal augen machen, wenn er sie alle zusammen sah, alle drei...

sie dachte an den ozean und an tausend bunte fische. dabei fiel ihr ein, dass sie hunger hatte. sie kramte in ihrem seesack nach essbarem, fand das gesuchte und biss mit scharfen zähnen in das rohe, rosarote stück fisch. ihre lunchbox hatte es in sich. roher fisch auf eis. klirrendes eis und rohes rotes fleisch. sie kaute genüsslich an ihrem fangfrischen kalten fisch, den sie noch kurz zuvor am markt gekauft hatte. es war gut, dass sie ihn schon jetzt zu sich nahm. ihr essen hielt sich nie besonders lang, man musste es frisch verzehren. fangfrisch sozusagen. der mann war aufgestanden und sah krampfhaft aus dem fenster. irgendwie machte er den eindruck, als wäre ihm übel geworden. sie sah ihn nur von der seite, aber ihr kam vor, als würde er würgen. wahrscheinlich einer von der sensiblen sorte, dachte sie mitleidig und beobachtete ihn weiter. er sah so aus, als könnte er nicht bis drei zählen. gemeiner gedanke, aber ein mann sollte anders aussehen, ein wenig mehr ..nunja...männlich vielleicht... überlebensfähig. der hier sah aus, als könnte er nur im grossstadtdschungel überleben und das auch nur solange es elektrischen strom gab. er hatte die typische hautfarbe eines büromenschen und wirkte übernächtigt und blutleer. sie biss ein grosses stück von ihrem fisch ab und überlegte. ein wenig wildnis und natur würden hier wunder wirken, zumindest hätte er dann eine erträgliche hautfarbe und mehr selbstbewusstsein.

er packte seine sachen zusammen, wobei er krampfhaft versuchte, nicht in ihre richtung zu sehen. seine gesichtsfarbe spielte ins grünliche. als er zur toilette ging, und zwar sehr schnell, wußte sie, dass er sich übergeben musste. ihr appetit war verflogen und sie packte den fischkopf, an dem noch einige fleischfetzen hingen, wieder in ihre hübsche lunchbox, wischte ihre hände an einem erfrischungstuch ab und seufzte vor sich hin. es war schon ein horror mit den menschen. sie waren alle so übersensibel geworden, und ununterbrochen wurden sie krank oder kränklich, so wie der mann von vorhin. wahrscheinlich kein kreislauf, zu wenig bewegung, zu wenig überlebenskampf, wenn man davon absieht, wie sie sich im nachtleben um einen platz am tresen balgten und um das vorrecht, die hübscheste frau im lokal abzuschleppen. eine schwache vorstellung männlicher stärke. wie so oft fragte sie sich, ob es noch echte männer gab. ein echter mann hätte sicher nicht so zimperlich auf ihr harmloses essen reagiert. zumindest hätte er sie gefragt, was um himmels willen sie hier trieb.
vielleicht wartete sie ja auf diese frage. sie würde ihm einiges von sich erzählen, aber sicher nicht alles...
bis zum abflug beobachtete sie die flugzeuge beim starten und landen, grosse jumbojets hauptsächlich. einer davon würde sie in seinem dicken bauch ans andere ende der welt verschleppen.

                               
sie spürte die beiden anderen schon, bevor sie sie sah. ein korridor voll mit menschen, die das licht schluckten und farben ausdämpften zu mattem grau. den seesack geschultert, ihren alten koffer in der hand, schlenderte sie hindurch und ihr kleid flatterte in der zugluft, die durch den grauschattierten korridor wehte. sie sah sie noch nicht, aber sie witterte ihre gegenwart, eine art frische und ein träumerisches blinzeln zweier grüngoldener augenpaare, ein kichern und flüstern wie im geäst von irischen bäumen, oder in dunklen teichen und quellen und manchmal auch ein angewidertes zischeln – das war kay, wenn ihr wieder mal ein mensch zu nahe gekommen war. mika lächelte gerade und nichts konnte sie von ihrer guten laune abbringen.  sie spürte mika lächeln und schritt schneller aus, drängte sich rücksichtslos an familien vorbei, die ihr im weg standen, drängte und schob sich durch grau und wieder grau – ein korridor so endlos lang wie ein wolkenverhangener herbsttag – sie fliegt heran hörte sie kay sagen, wie eine schwalbe die zum nest will. 
sie standen am fuß der rolltreppe, die zum ausgang führte. sie rannte. sie rannte so schnell sie konnte. wie in ultraviolettes licht getaucht standen die beiden in ihrer ursprünglichen gestalt vor ihr. nur für sie erkennbar, nur für ihre augen bestimmt, sah sie das geheimnis, über das sie nicht einmal mit dem liebsten ihrer liebhaber sprechen konnte oder wollte. 
mika sah so zufrieden aus, als hätte sie einen ganzen fisch verschluckt. sie strahlte, schüttelte immer wieder ihre hand, als wollte sie sie nicht mehr hergeben. kay murmelt pausenlos „das ist zu cool“ vor sich hin und sah ebenso wie mika völlig planlos aus. 

der mann, der sich in der abflughalle übergeben hatte, beobachtete die frauen mißtraurisch. er hätte nicht übel lust gehabt, sie anzusprechen, doch dann dachte er an die starren augen des fischkopfs, die ihn fixiert hatten, als die eine, die in seinem flugzeug – gottseidank einige reihen vor ihm – gesessen hatte, ihr sonderbares mahl verzehrt hatte, das ihn den letzten rest seiner nerven gekostet hatte. er wischte sich über die stirn. er schwitzte und ihm war wieder schlecht. das ganze mal drei, kam ihm in den sinn,  wenn schon eine zuviel ist. die frauen bewegten sich langsam zum ausgang, redeten und lachten, und er folgte ihnen, wobei er seinen schritt dem ihren angleichen mußte. er wollte nicht an ihnen vorbei gehen und die drei in seinem rücken haben. er ging gekünstelt langsam hinter ihnen her und fluchte stumm in sich hinein. deren selbstbewusstsein wollte er mal haben. so wie die redeten – und laut lachten...das sollte mal eine in seinem bekanntenkreis probieren, na die hätte dann ein kleines problem, dachte er und fühlte sich wieder eine spur besser. bis sich die eine, die er schon kannte, umdrehte und ihm ein wissendes lächeln zuwarf. dabei entblösste sie sehr spitze reisszähne und ihre augen schienen wahrhaft dämonisch zu funkeln. wahnsinnige, dachte er, das sind doch völlig verrückte weiber, die sollen mir bloß vom leibe bleiben. er fiel einige schritte zurück. so ging er mit gesenktem kopf hinter ihnen her, hinaus auf den parkplatz, wo er sich ein taxi nehmen wollte. dennoch mußte er geradezu nach ihnen ausschau halten – er wollte wissen, mit welchem auto sie gekommen waren. wahrscheinlich ein vw käfer, dachte er, oder sonst irgendein kleinwagen, doch das, was dann an seinen augen vorüberzog wie ein gewaltiges schiff,  mit hoch aufragenden finnen, glänzend und riesengross, riß ihm das spöttische grinsen vom gesicht. verdammt, dachte er, verdammt, verdammt, verdammt....


der mächtige chevrolet folgte der gewundenen küstenstrasse. wie ein gewaltiger fisch, glatt und glänzend, zog er ruhig seine bahnen, während die meerjungfrauen in seinem inneren lachten und erzählten. über dem spiegel hingen ketten aus muscheln, treibholz und perlen, im handschuhfach befanden sich getrocknete algen und hummerchips, im kofferraum kistenweise flaschen mit meerwasser und fangfische fische, diesmal nicht vom markt....

ihre nassen, salzigen haare trockneten im wind. der ozean reichte bis zum horizont. sie ebenfalls.

  

11.10.16

ich vermisse euch. wie eine pflanze den regen vermisst.




ob es uns noch gibt? vielleicht sollte man die frage nicht laut stellen. vielleicht ist es ein fehler, überhaupt solche fragen zu stellen, zu zweifeln. du könntest gleich als nächstes fragen, ob es das meer noch gibt, oder den mond.manchmal sieht man den mond eben nicht, weil sich wolken davor schieben. ist er deshalb verschwunden? wenn sich das mondlicht dann wieder durch die wolkenschichten bahnt, ist es umso schöner als wenn man es ohnehin immer sehen kann. vergiss also die frage. es gibt uns noch. und es sieht für uns nicht schlecht aus. vielleicht gibt es uns für immer. ich muss an unser haus am meer denken. an die vielen namen, die es schon hatte. mermaid tavern. sirenenfelsenhaus. blueberry hollow.

in der letzten zeit beginne ich wieder, euch zu suchen. gut, ich weiss, wo ihr seid, aber das meine ich nicht damit. ich suche euch überall, als hättet ihr der natur euren atem eingehaucht. ihr seid überall. im himmel, im wasser, in den blütenblättern, im mond. und natürlich im meer, das vor allem. ich weiss, dass unsere träume wie regen sind. ohne sie verdorrt die welt. sie trocknet aus, wird zur wüste, zum öden leeren ort.
ich vermisse euch. wie eine pflanze den regen vermisst.



ich habe dieses posting, das ich vor jahren geschrieben habe, löschen wollen, aber dann doch in meinen entwürfen aufbewahrt. wir haben keinen kontakt mehr zueinander, ich glaube, es ist für immer. alle türen sind versperrt und das wird so bleiben. aber einmal, vor jahren, war alles offen und voller licht und freundlichkeit. ich weiss, dass ich mir nichts einbilde - wir hatten etwas gemeinsam. wir haben gemeinsam geträumt. sieht jetzt natürlich so aus, als wäre es nie passiert. aber es war so und es war wunderschön. ich glaube, ich sollte es nicht löschen. es gehört zu mir.

ab jetzt ist blueberry hollow wieder öffentlich. ich habe es lange nicht beachtet und überhaupt nichts gepostet. es ist schade darum. es kann nichts dafür, was passiert ist. es ist das beste, was ich in mir trage. genau das soll man doch nicht löschen...

blueberry hollow wird so etwas wie mein feiertags-und wochenendhaus. kann gut sein, dass ich irgendwann mal für immer hier bin, wenn alle inneren kämpfe vorbei und alle dämonen besiegt sind.

25.08.16


 "August! - Heart!
Month of late kisses,
Of late roses and late lightning!
Of the rain beneath the stars
August! - Month
Of the rain beneath the stars!"


          Marina Tsvetaeva, from Clear Voices;
          “From Cycle ‘Girlfriend’