23.06.18



We saw the last embers of daylight die
And in the trembling blue-green of the sky
A moon, worn as if it had been a shell
Washed by time’s waters as they rose and fell
About the stars and broke in days and years

 W.B. Yeats




06.05.18

an einem stinknormalen sonntagnachmittag in einem maurischen café


für imuhar

....“es ist alles andere als leicht, kreativ zu sein“, sagte die elegante junge dame in richtung der chimäre, die mit einer tasse dampfenden kakaos neben ihr sass und höflich nickte. das in breiten bahnen hereinströmende licht vergoldete die maurischen gitter und verschlungenen arabesken vor den fenstern des cafes, einige staubflocken tanzten durch die luft. ihnen gegenüber sassen zwei männer im traditionellen berbergewand und spielten eine partie schach. der ihnen gegenübersitzende blickte zu ihnen herüber und lachte mit blitzendem gold im mund. er legte seine braune hand mit den schwarzen fingernägeln auf einen dolch, der neben dem schachbrett auf dem tisch lag. der verlierer des spiels würde mit dem spiel auch sein leben verlieren...ein alter brauch, um meinungsverschiedenheiten zwischen stammesfürsten zu regeln, zumindest in dieser gegend, wo krieg nicht auf dem schlachtfeld, sondern am schachbrett ausgefochten wurde.
"ein guter brauch", murmelte der grünäugige drache am nebentisch, "beinah unblutig und voll esprit, fast wäre ich versucht, es ihnen gleichzutun." er blickte spöttisch zur chimäre hinüber, die ihn standhaft ignorierte, seit er sich neben sie gesetzt hatte. der drache war inzwischen dazu übergegangen, patience zu legen. mit flinken pfoten klopfte er eine reihe nach der anderen herunter und stiess lange rauchsäulen aus.
„ja, meine liebe“, kam vom fräulein am nebentisch, das sich wieder der chimäre zugewandt hatte, „es ist gar nicht leicht, in diesen zeiten noch einen funken von...je ne sais pas...fantasie...zu entwickeln, wie ihr sicher ebenfalls wisst.“ die chimäre nickte mitfühlend und schenkte dem fräulein tee aus einem grossen, silbernen samowar nach. der drache hatte eine wasserpfeife bestellt und rauchte sie nun mit sichtbarem genuss...die rauchkringel, die er fabrizierte, stiegen zur decke empor und bildeten dort eigentümliche barocke muster aus stuck.

das schachspiel der stammesfürsten war entschieden, der schnitt durch die kehle schnell und lautlos, der tod, der sich in dieser gegend azrael nannte, betrat den raum und holte den durchscheinenden verlierer ab, nicht ohne ihn zuvor noch auf ein glas absinth einzuladen. 
der raum hatte sich inzwischen mit rauch gefüllt und man konnte nicht mehr viel erkennen. der drache hatte begonnen, nervös vor sich hinzupaffen, seit der tod das lokal betreten hatte. eine dicke rauchwolke verhüllte ihn wie ein tarnmantel, dahinter hörte man ihn rumoren und abwehrformeln murmeln. „echsen sind das abergläubischste volk des universums“, beschied  die chimäre dem fräulein und lächelte fein und ein kleines bisschen hämisch. „das habe ich jetzt gehört“, drang dumpf aus der wolke am nebentisch, „und ich setze es auf die liste eurer untaten, allerwerteste.“ das fräulein erstickte ihren plötzlich auftretenden hustenanfall in einem spitzentaschentuch, das es aus dem ärmel seiner cremefarbenen tropenjacke gezaubert hatte. die chimäre legte ein winziges goldnugget auf den tisch und trank ihren kakao aus. „es liegt wohl am rauch, er wird immer mehr, man kann kaum mehr atmen“, sagte sie. „es wird ohnehin zeit für unseren besuch am gewürzbasar, vielleicht könnt ihr dort einige inspirationen für euer neues buch sammeln. ich hoffe es inständig. als muse und als freundin, die ich euch geworden bin.“ die beiden damen verliessen das cafe, das hinter ihnen in einer veritablen nebelbank verschwand. die grünen augensterne des drachen folgten ihnen noch eine zeitlang durch die gassen, dann zogen sie sich wieder zu ihrem besitzer zurück...

im cafe packte der drache eilig seine karten, zigaretten und einige englische und französische tageszeitungen in seinen rucksack und liess auch einen silbernen kaffeelöffel mitgehen. er legte einige sorgfältig abgezählte münzen auf den tisch und drückte sich an der hochaufragenden gestalt des todes vorbei, der noch immer an der bar stand und sich angeregt mit einer gruppe von berbern unterhielt. 
es ging um ein weiteres schachspiel, diesmal zwischen dem tod und dem inzwischen beinahe unsichtbaren stammesfürsten, der, so er gewinnen sollte (was der tod als sehr unwahrscheinlich einstufte), wieder ins leben zurückkehren dürfte. „es ist ja eigentlich verboten“, kam gerade vom tod, als der drache das cafe verliess und kopfschüttelnd auf die strasse trat, um die verfolgung der beiden damen aufzunehmen....


19.10.2005

01.03.18

im frühling




im frühling
schüttelt der wilde wind
das blaue himmelstuch
auf dem in kreuzstich
ein weisses lamm der welt erscheint

ein zirruswölkchen treibt
über den feldaltar unserer
sehnsucht

ein weisser schmetterling schreibt
muttertagsgedichte
auf ein hellblaues luftblatt
ein lachendes kind im
erstkommunionskleid
läuft über die ebene

lieber gott im himmel
lieber gott...




15.01.18


Woman’s role in creation should be parallel to her role in life. I don’t mean the good earth. I mean the bad earth too, the demon, the instincts, the storms of nature. Tragedies, conflicts, mysteries are personal. Man fabricated a detachment which became fatal. Woman must not fabricate. She must descend into the real womb and expose its secrets and its labyrinths. She must describe it as the city of Fez, with its Arabian Nights gentleness, tranquility and mystery. She must describe the voracious moods, the desires, the worlds contained in each cell of it. For the womb has dreams. It is not as simple as the good earth. I believe at times that man created art out of fear of exploring woman. I believe woman stuttered about herself out of fear of what she had to say. She covered herself with taboos and veils. Man invented a woman to suit his needs. He disposed of her by identifying her with nature and then paraded his contemptuous domination of nature. But woman is not nature only.
She is the mermaid with her fish-tail dipped in the unconscious.

Anaïs Nin


29.11.17

Sóley - Úa






Named after her daughter, the opening track from Sóley's third record, 'Endless Summer'.




12.11.17

strawberry shortcake


Sie hatte es tatsächlich geschafft, sich einen Tag freizunehmen. Nun war sie endlich am Meer, wie sie so oft geträumt hatte, sah endloses Grün, weisse Gischt, darüber den blauen Himmel und irgendwie war sie fast zu glücklich für einen allein. 
Ja, sagte sie. Ja.Ja.Ja.
Es klang so komisch, dass sie lachen musste. Und immer, wenn sie lachen musste, bekam sie Hunger. Ein kleiner Stand mit rotweiss gestreiftem Sonnenschirm befand sich direkt gegenüber der Mole, über die sie gerade gekommen war. Sie bestellte einen Erdbeerpie, den echten Strawberry Shortcake, zum Mitnehmen, und ass ihn, während sie am Strand entlangschlenderte. Der Junge vom Stand sah ihr nach und lächelte. Eine echte Meerjungfrau, sie braucht kein Kostüm, keinen falschen Fischschwanz, keine Glitzerketten, nichts. Die ist echt, dachte er. Keine Frage. Schon wie sie ging und immer ein bisschen zu nah am Wasser, als würde sie die See magnetisch anziehen. Anscheinend war ihr egal, dass ihre Schuhe dabei nass wurden. Sie hatte diese ungezwungene Art, die er bei Frauen so mochte, sie war selbstsicher, aber nicht auf diese aggressive Art, die moderne Frauen heute zur Schau stellen, wohl nur, um ihre Unsicherheit zu überspielen. Er dachte daran, wie ein Date mit ihr sein mochte. Und sah ihr lange nach, bis eine ungeduldige Kinderstimme ihn aus seinen Träumen riss. Eine kleine aufgetakelte Meerjungfrau, schon für die Mermaid-Parade aufgestylt, mit ihrer stolzen Mom im Schlepptau, die den Fotoapparat gezückt hatte, um jeden Schritt der Kleinen fürs Familienalbum festzuhalten. Natürlich musste er ebenfalls mit aufs Bild. Sein Lächeln fiel etwas dünn aus, aber er bemühte sich redlich, obwohl es ihm schwer fiel. Am liebsten hätte er den Stand im Stich gelassen und wäre der Frau von vorhin nachgelaufen, hätte irgendwo Blumen gekauft und wäre dann vor ihr gestanden, wie ein Schulkind, ausser Atem und verlegen. Wollen Sie mich heiraten? Er grinste. Sie würde wohl umkippen. Ich habe Sie vorhin zum ersten Mal in meinem Leben gesehen, und wollen Sie mich heiraten und mit mir viele kleine Meerkinder haben? Seltsam, aber es kam ihm plötzlich völlig normal vor, so zu handeln. Konnte gut sein, dass ihm der Wahnsinn, der hier ringsumher herrschte, langsam zu Kopf stieg. Eine neue Fähre legte an und entliess eine Woge von Tüll, Satin und bunten Bikinitops.

Die Mole war ein glitzernder Catwalk geworden, auf dem urbane Meerjungfrauen flanierten. Glitzerstaub flirrte in der Luft wie eine besonders schöne und tödliche Sorte von Feinstaub oder Smog, er wischte sich über die Augen. 
Barbiepuppen mit langem blondem Kunsthaar, viel nacktes gebräuntes Fleisch, einiges eindeutig falsch, Beachschönheiten mit perfekten Figuren. Aber keine Meerjungfrauen, dachte er und wunderte sich über sich selbst. Keine einzige echte Meerjungfrau. Bis auf die eine, die er heiraten wollte. Er fragte sich, ob die Ehe mit einer Meerjungfrau komplizierter sei als eine normale Ehe mit einer normalen Menschenfrau. Und wie die Kinder aussehen würden. Hübscher als Menschenkinder. Natürlich. Er lächelte einer Barbiepuppe in Blau und Silber unbewusst ins Gesicht und zuckte zusammen, als sie sein Lächeln strahlend erwiderte und Anstalten machte, näherzukommen. Sie würde sowieso nur eins dieser Lightprodukte bestellen, das ekelerregende Diät-Erdbeereis, das momentan so beliebt war. Sie war wie alle hier, vorhersehbar, geistlos und unsagbar langweilig. Als sie an den Stand kam, bediente sie sein Kollege und er war dankbar dafür. Er täuschte vor, sie zu spät gesehen zu haben und zuckte lächelnd mit den Schultern, als sie wieder ging und ihm einen bedauernden Seitenblick zuwarf, dann war sie schon in der Menge verschwunden, was er garantiert nicht bedauerte. Er sah sie 10 Minuten später auf der Mole für Fotografen posieren wie ein Model, es sah unsagbar bizarr aus, was sie da betrieb, denn sie hatte ihren Fischschwanz angelegt und hoppelte linkisch die Planken entlang wie ein gehbehindertes Kaninchen.

+++

Ein leichter Wind kam auf und brachte Salz und eine Spur Sand, wahrscheinlich tödlichen Glitzersand vom Meerjungfrauengestade, der ihn für immer blenden würde, wenn er ihn in die Augen bekäme. Es kam natürlich genau so, wie er es vorhergesehen hatte, eine gehörige Portion salziger Sand zusammen mit dem hell gleissenden Licht drang mitten in seine Augen, und in der Woge von Licht und Wind, der vom Meer kam, stand sie plötzlich vor ihm am Stand und lächelte ihn an, vielleicht hoffte er ja nur, dass sie es tat, sie schien jedenfalls zu lächeln. Im Moment konnte er eigentlich nur erkennen, dass es eindeutig sie war, er kannte ihre Umrisse, er hatte ihr ja lang genug nachgesehen, ihr Abbild geisterte noch immer auf seiner Netzhaut herum, als wäre er ein Spiegel, in den sie geblickt hatte. Er kam sich sagenhaft dämlich vor. Stand vor ihr und wischte sich Sand und Tränen aus seinen Augen, die sicher verquollen waren, als hätte er Heuschnupfen. Es war nicht zu fassen. Das Szenario, das er sich vorhin noch vorgestellt hatte, war plötzlich weit weg. Er, der Kavalier, der ihr wie in einem Kitschfilm Blumen überreichte und sie, wie sie erstaunt und ein wenig scheu nach den Blumen griff und dabei seine Hände berührte. Eine langfingrige Hand, die ein Papiertaschentuch hielt. Er sah staunend auf diese zarten Finger, sogar ihre Finger hatten etwas meerjungfrauenhaftes, sie waren schmal und elegant, sie trug einen goldenen Ring mit einem kleinen Seestern aus Türkis, der sich mit  ihrer warmen leuchtenden Haut in wunderbarer Harmonie verband. 
Ihr Handgelenk schmückte ein schmaler Goldreifen. Natürlich hatte sie keine Schwimmhäute zwischen den Fingern. Vielleicht wuchsen sie ihr erst im Wasser. Die bewundernswerte Hand wedelte nun nachdrücklich mit dem Taschentuch vor seinem Gesicht. Sah fast so aus, als würde jemand die weisse Fahne hissen, um zu signalisieren, dass er in Frieden gekommen war. Es war süss, wie sie vor seinem Gesicht herumwedelte. Vielleicht war er auch über und über mit Sand bedeckt, wer weiss. Er stellte sich vor, wie er aussah, ein kleines Häufchen Sand, und wie sie ihn gesehen hatte - die menschliche Sanddüne - und schon aus Mitleid herangekommen war, um ihm wieder seine menschliche Form zurückzugeben.

Sie war nicht sandig, natürlich nicht. Sie sah frisch aus wie gerade aus dem Wasser gehüpft.
Er nahm das Tuch an, murmelte verlegen seinen Dank und wischte sich den Sand aus den Augen.
Als er sie klar sehen konnte, war sein erster Gedanke: Die ist zu schön für mich. Die Schneekönigin entführt den kleinen Kai, nur dass diese hier nicht mit Eis und Schnee und Rentieren und einem Schlitten ankommt, sondern mit grünen Meereswogen, gleissendem Licht und Seepferdchen, die ihren Wagen ziehen. Meerschaum. Blinkende Wellen. Er sah sie an. 
Ihr Mund lächelte immer, er war an den Mundwinkeln hochgezogen, wie bei einem Delphin. Irgendetwas an ihr war anders als vorhin, als er sie zum ersten Mal gesehen hatte, doch genau konnte er es nicht sagen, es war eine subtile Veränderung, sicher nichts äusserliches.
Das Mädchen leuchtete von innen, als hätte sie Licht getrunken.

Fortsetzung folgt  (hoffentlich bald... die Muse muss mich wieder wahrnehmen und bestenfalls küssen!)