17.09.26

farbenspiel


verwaschenes grau verschluckt alles, was vorhin noch störend war
der seele anlastete wie ein schweres gewicht
ein hässliches modernes bauwerk hier
ein abgestorbener baum dort
es lässt menschen wie geister durch die strassen huschen
die hauseingänge gähnen, ein kühler hauch weht von den kellern herauf
nur in einem kellerabteil brennt noch licht
ein armer student, der über seinen büchern sitzt
der aufschaut, wenn ich vorbeigehe und von mir nur die beine sieht
und den unteren teil meines roten zwergencapes
dessen rot sich langsam mit grau vermischt
auf der wassergrauen leinwand zerfliessen die farben
sie kehren in den malkasten zurück
damit jemand mit ihnen spielen kann


auf der strasse schillert öl in einer wasserlache
in allen farben des regenbogens
die farben sind schockierend bunt
in weiter ferne blinkt ein wald von neonschildern
ein wilder dschungel aus farben und licht
bunter sprühregen glitzert kurz wie giftiger nebel über den dächern


ich streife zartvioletten raureif von meinem grauen cape
und werfe einen brief an einen freund in den postkasten
er wird sich wundern, mein freund
denn über den umschlag ziehen sich filigrane muster
wie das blattwerk eines farnes
und anstatt einer marke glänzt ein silberner stern

03.06.26


“I have always liked the ocean, the promise of depth. I am tired of this dry world, with all of its dust and sickness, these barren fields.”

      Clementine von Radics, from Mermaid in “Mouthful Of Forevers” 

 

25.04.26

das stille liebespaar

er liest ihr aus einem buch vor.

sie ist so auf ihn konzentriert, dass sie die umgebung nicht beachtet. er ist ein schöner mann, vielleicht nicht schön für den geschmack der masse, dafür ist er zu dünn. sein gesicht ist sehr schmal, seine wangen sind leicht eingefallen, doch sein mund ist voll und sieht sinnlich aus.

er liest ihr konzentriert vor und sie sieht ihm ins gesicht. sie wirkt nicht so, als könnte sie sich auf das konzentrieren, was er liest, obwohl sie sich mühe gibt. er lenkt sie zu sehr ab. sie studiert seine züge wie eine landkarte, die man liebevoll und aufmerksam studiert, wenn man eine lange reise plant.

ein unerforschtes land.

wenn er so liest, sieht er jesus ähnlich, der gerade seinen jüngern ein gebet vorträgt - so sehr ist er auf den text konzentriert. er will sie damit bezaubern, aber das hat er schon längst getan, durch seine gegenwart allein. ein wenig erinnert er auch an johnny depp oder che guevara, ein abenteurer, einer, der nie den leichtesten weg geht.


neben den beiden liegt sein abgegriffener gitarrenkoffer auf der bank. das mädchen kann nur ein paar akkorde, aber sie liebt es, seine gitarre in ihren händen zu haben, und ohne es wirklich zu können, darauf zu spielen und dazu zu singen. die stimme des mädchens klingt wie regen. sie hat nie singen gelernt, aber ihre stimme ist fein und ausdrucksvoll und vibriert wie regen, der zur erde fällt.

dann sieht er sie ähnlich an wie sie ihn gerade eben, konzentriert, wie eine landkarte. 

orte, die alle poetische namen haben. strassen, die nie in die irre führen. auf seltsame art schon jetzt vertraut, aber nicht daran gewöhnt, nie daran gewöhnt, und so wird es immer sein. 

ein regenbogen mit einem topf gold am anderen ende.